Inzwischen bin ich seit knapp 2 Wochen in meinem Einsatzort in Kunming. Kunming ist außerhalb von China wohl kaum jemandem geläufig und daher will ich mal ein paar mehr Informationen über diese (Klein)stadt erwähnen. Klein setze ich in Klammern, da die Chinesen Kunming als Kleinstadt bezeichnen, wäre diese Stadt jedoch in Deutschland so wäre sie die größte Stadt Deutschlands, denn es leben dort ca. 5 Millionen Menschen. Kunming liegt in der Provinz Yunnan im Südwesten Chinas. Yunnan grenzt an Vietnam, Laos und Myanmar und aufgrund der Lage im Süden herrscht hier das ganze Jahr über ein angenehmes Klima vor. Die Temperatur fällt selbst im Winter nur selten unter 8 Grad und so ist das Wetter auch derzeitig mit Temperaturen zwischen 15 und 20 Grad wirklich angenehm. Daher trägt die Stadt in China auch den Beinamen Spring City. Natürlich hätte ich mir lieber gewünscht in Shanghai oder Peking zu arbeiten, aber zumindest das Wetter in Kunming ist ein absoluter Vorteil. Es hätte nämlich auch schlimmer kommen können. Wir haben ein Team in Dalian, den Erzählungen der Kollegen zu Folge eine sehr nette Stadt, aber die Lage nördlich von Peking bringt dann leider sehr kalte Temperaturen mit sich und so liegen die Temperaturen jetzt Anfang November bereits bei kühlen 5-8 Grad. Da graut es den Kollegen schon vor dem Dezember.
Kunming liegt etwa 2000m über dem Meeresspiegel, ist umgeben von Bergen und landschaftlich sehr reizvoll. Daher ist die Provinz Yunnan für die Chinesen auch ein beliebtes touristisches Ziel. Außerdem verfügt die Stadt über alle Annehmlichkeiten anderer Grosstädte und auch Fastfood-Ketten wie McDonalds, KFC oder Pizza Hut haben hier bereits ihren Platz gefunden. Ansonsten merkt man aber doch schon deutlich den Unterschied zu einer modernen Metropole wie Shanghai. Insbesondere beim Aussehen und Stil der Kleidung hängt Kunming Städten wie Shanghai oder Peking noch deutlich hinterher. Während in Shanghai oder Peking mittlerweile alle bekannten Designer und Marken ihre Shops eröffnet haben, herrscht in Kunming noch eher traditioneller Stil vor und Fashion spielt eine untergeordnete Rolle. Dies mag vielleicht auch daran liegen, dass Yunnan in China für die dort zahlreich lebenden Minderheiten bekannt ist. So war z.B. das Erste was mir ein chinesischer Kollege auf meine Frage wie Kunming sei antwortete, dass es dort sehr viele Minderheiten gebe.
Dies haben wir dann auch am vergangenen Donnerstag live erleben können. Die Leiterin des Finanzbereichs hat uns zum Dinner eingeladen. Was wir aber nicht wussten

ist, dass das Restaurant ein traditionelles Showrestaurant ist. Das Restaurant hat einen großen Saal, in dem runde Tische für 6-8 Personen stehen und verfügt über eine große Bühne. Dort führen dann Gruppen der verschiedenen Minderheiten traditionelle Tänze auf. Zudem wird traditionelle chinesische Küche serviert. Das Essen war zwar nicht in jeder Hinsicht mein Fall, aber das Bühnenprogramm war wirklich sehr interessant, da man so etwas halt nicht alle Tage sieht und erlebt. Im Großen und Ganzen muss ich sagen, dass mir Kunming eigentlich ganz gut gefällt und es vielleicht sogar ganz gut ist, nicht die gesamten 8 Wochen in Shanghai zu sein, da man so das wirkliche Leben Chinas mitbekommt. Denn Shanghai, die moderne Megacity, die eher Städten wie New York oder London gleicht, steht sicherlich nicht stellvertretend für das ganze Land und das Leben in den ländlicheren Gegenden. Der Einzige wirklich große Nachteil, den ich hier feststellen musste ist, dass nahezu kein Mensch Englisch spricht. Während man in Shanghai, noch einigermaßen zurecht kommt, auch wenn noch lange nicht jeder Englisch spricht, so ist es in Kunming wirklich ein Desaster. Selbst im Coke-Office, von dem man als Niederlassung einer amerikanischen Firma doch wenigstens ein Basiswissen an Englisch erwartet oder erwarten kann, sprechen lediglich zwei unserer Ansprechpartner Englisch. Dadurch können wir fast kein Gespräch allein mit den Mitarbeitern führen, ohne die Unterstützung einer unserer drei chinesischen Teammitglieder. Das bringt mich auch gleich zu einer weiteren witzigen Anekdote. Es gibt eine goldene Regel: Verlasse niemals das Hotel, ohne die Adresse zu der man möchte, in chinesischen Zeichen auf einem Blatt Papier notiert zu habe

n. Aufgrund der günstigen Preise eines Taxis in China, ist dies unsere bevorzugte Fortbewegungsweise. Die Taxifahrer haben jedoch keinen blassen Schimmer von Englisch, vermutlich wissen sie nicht einmal, dass diese Sprache existiert. Und so kommt man nicht einmal mit den Worten City Center, Downtown oder Airport weiter. Daher immer ein Blatt Papier nehmen und sich die Adresse vom Hotelpersonal aufschreiben lassen. Ist man dann letztendlich sicher z.B. im Restaurant angekommen, so geht das nächste Problem los. Wie bestellt man ohne größere Probleme sein Essen. Denn auch dort ist es eher unwahrscheinlich bis nahezu unmöglich ein Exemplar der Minderheit „Englischsprecher“ oder „Englischversteher“ anzutreffen. Also gilt es sich sein Essen nach Bildern auszusuchen und zu hoffen, dass das Fleisch das nach Hühnchen aussieht, in Wirklichkeit kein Frosch oder eine Schildkröte ist. Denn im Grunde gilt, in China und speziell im Süden Chinas, wird beinahe alles was zwei oder mehr Beine hat und sich bewegt, verzehrt. Hinzu kommt, dass vom Kopf, über das Herz und die Innereien bis hin zu den Füßen nahezu alles seinen Weg auf den Teller findet. So hatten wir bereits einmal das Vergnügen eine Suppe mit Hühnchen zu essen und bei dem Versuch sich Nachschlag aus dem Suppentopf zu nehmen, tauchte plötzlich ein Hühnerfuß in der Suppenkelle auf. Die Suppe an sich

war aber ganz lecker. J Auch die Idee sich ein saftiges Rindersteak zu bestellen, hat bei uns am ersten Tag in Kunming zu Schwierigkeiten geführt. Die Bestellung des Steaks ist zunächst nicht weiter schwer gefallen, doch mach dann dem Kellner der munter in chinesisch auf uns einplappert mal klar, dass man sein Steak englisch, medium oder gut durch haben möchte. Und so landeten letztendlich alle drei Steaks, die wir bestellt hatten gut durch auf unserem Tisch. Na ja, der Geschmack und die Konsistenz des Fleischs war ohnehin eher mangelhaft, da hätte es auch nicht weitergeholfen wenn das Steak medium gewesen wäre. Letztendlich ist das Problem mit dem Englischen aber auch nicht ganz so tragisch. Man arrangiert sich irgendwie damit und lernt geduldig zu sein und auf der anderen Seite ist es halt eben auch genau das, was meinen Job so spannend und abwechslungsreich macht. Für unser Lunch haben wir inzwischen schon unser chinesisches Stammrestaurant gefunden, wo natürlich auch niemand Englisch spricht. Beim Betreten des Restaurants kommt immer Freude beim Personal auf und wir werden mit zurückhaltendem, chinesischem Gekicher empfangen. Und auch bei uns hebt sich die Laune, denn wir wissen dass nun wieder unser witziger Bestellmarathon beg

innt, in dem wir mit Händen und Füssen unsere Bestellung aufzugeben versuchen. Das kann schon mal an die 10 Minuten dauern. Am Anfang hat unser Kollege Nacho noch Tiere wie z.B. ein Schwein, eine Kuh oder ein Huhn auf ein Blatt Papier gemalt und als Witz auch mal einen Hund, was von der Kellnerin aber direkt mit einem entsetzten „No, No, No“ kommentiert wurde. Mittlerweile haben wir uns aber zumindest mit einem Basislexikon aus einem Reiseführer bewaffnet, der über hilfreiche Übersetzungen für z.B. Rindfleisch, Hühnerfleisch, Fisch, Gemüse, Reis, Wasser und noch vieles mehr verfügt. Damit kommen wir dann schon ganz gut über die Runden.
Soviel zu Kunming und seinen alltäglichen Tücken. Fürs erste Wochenende bin ich dann zurück nach Shanghai geflogen, um die Stadt mal ein wenig näher kennen zu lernen. Shanghai hat mir im Grunde recht gut gefallen, da es sehr modern und dynamisch ist und man wirklich alle Annehmlichkeiten, die man auch von Deutschland gewohnt ist finden kann. Touristisch gesehen, hat es jedoch aus meiner Sicht relativ wenig zu bieten. Da ist zum Einen die

recht nette Uferpromenade am Fluss im Viertel Bund, mit Blick auf das Finanz- und Geschäftsviertel Pudong, wo auch das Wahrzeichen Shanghais, der Pearl Tower steht. Des Weiteren ist da noch eine schöne Gartenanlage (Yu Garden) in der Altstadt Shanghais, die allerdings recht überlaufen ist. Es gibt da vermutlich noch die Ein oder Andere ganz interessante Sache, aber im Wesentlichen war es das schon. Erwähnenswert ist allerdings noch eine Entdeckung, auf die ich mit meinem Kollegen Diego eher per Zufall gestoßen bin. Wir sind durch einen Park (Peoples Park) gelaufen und sind plötzlich an eine Stelle gekommen, an der wir eine große Menschenansammlung vorgefunden haben. Wir wussten zunächst nicht so ganz, was da vor sich geht, also haben wir uns das mal ein wenig genauer angeschaut. An der Stelle waren Frauen und Männer alle im Alter so zwischen 50 und 70 versammelt und an zahlreichen Leinen, die wie Wäscheleinen zwischen den Bäumen gespannt waren, hingen mit chinesischen Zeichen bedruckte DIN A4 Blätter die einen kurzen Text aufweisen. Ein Zettel hatte den Text sowohl in Chinesisch als auch in Englisch und wir konnten daher lesen, dass es sich bei den Zetteln um eine Art Kontaktanzeige handelt. Nun gut dachten wir, ist ja recht interessant, die Leute suchen halt auf diese Art und Weise nochmal einen Partner fürs Leben. Die Sache geht aber noch weiter, denn wir lagen mit unserer Vermutung nicht ganz richtig. Auf dem Ersten Zettel haben wir die Zahl 76 gelesen und wir sind davon ausgegangen, dass es sich dabei um das Alter der Frau handelt, die laut Infos ehrliche Heiratsabsichten hat. Drei Bäume weiter haben wir dann aber einen weiteren Zettel in Englisch erblickt, der zudem über ein Foto verfügte. Das Foto zeigte aber keine Frau im Alter von 79 sondern eine junge Chinesin, d

ie 29 Jahre alt ist, denn die Zahl 79 auf dem Zettel stand nicht für das Alter sondern für das Geburtsjahr. Und so haben wir herausgefunden, dass es sich bei der Menschenansammlung um einen in China üblichen sog. Heiratsmarkt handelt. Die Eltern hängen Zettel mit den Informationen ihrer Töchter und Söhne aus und suchen so einen Mann oder Frau für ihre Kinder, die um die 30 Jahre oder älter sind. Denn in China ist es nicht angesehen, wenn man mit 30 Jahren noch immer unverheiratet ist und so versuchen die Eltern alles um den Sohn oder die Tochter endlich unter die Haube zu bringen. Ich hoffe meine Eltern kommen jetzt nicht auf dumme Gedanken und hängen Zettel von mir in Neuss aus. J
Ein Höhepunkt stand dann noch am Ende meines Shanghai-Wochenendes auf dem Programm und zwar die Fahrt zum Flughafen. Denn was in Deutschland nie durchgesetzt werden konnte, ist in Shanghai seit einigen Jahren Wirklichkeit… der Transrapid oder Maglev wie er in Shanghai genannt wird. Die Magnetschwebebahn die Shanghai mit dem außerhalb liegenden internationalen Flughafen verbindet, benötigt für die 30 Kilometer lange Strecke gerade einmal 7 Minuten. Für die gleiche Strecke braucht man mit dem Taxi je nach Verkehr zwischen 30 und 45 Minuten. Die Fahrt mit dem Transrapid war wirklich ein Erlebnis, denn er rast mit einer Höchstgeschwindigkeit von 431 km/h durch die Stadt und ehe man sich versieht ist man auch schon am Flughafen angekommen.
(Bilder: 1) Eingang zu unserem Stammrestaurant in Kunming, 2) Altstadt von Shanghai, 3) Yu Garden Shanghai, 4) Heiratsmarkt in Shanghai, 5) Pearl Tower, 6) Geschwindigkeitsanzeige im Transrapid)